Sehr
geehrter Herr Minister Dr. Behrens, sehr geehrte Ehrengäste, sehr
verehrte Damen, sehr geehrte Herren und sehr geehrte Herren Wurm und Schäfer,
die Sie mich eingeladen haben in Ihrer Eigenschaft als Vorsitzender der
Landschaftsversammlung und als Direktor des Landschaftsverbandes.
Eingeladen haben Sie mich zu reden, anlässlich einer
Veranstaltung, die an die höchst ehrwürdige Eröffnung des
ersten Westfälischen Provinzial-Landtages im Münsteraner Schloss
vor 175 Jahren und an die nicht viel weniger ehrwürdige Einweihung
des ersten Landeshauses vor 100 Jahren erinnert.
Natürlich ist eine derartige Einladung eine Ehre,
macht aber auch ein bisschen nachdenklich. Ich habe mich früher in
der Welt herumgetrieben und entdecke auch einige kosmopolitische Züge
in mir. Da erreichte mich die Bitte, zu diesem urwestfälischen Ereignis
den Festvortrag zu halten.
Wieso denn gerade ich?
Man steigt "zu den Müttern herab", wie es im „Faust"
heißt, denkt über die eigene Identität nach und stellt
schließlich fest: Ja, so ganz falsch ist es wohl nicht, mich für
einen Westfalen zu halten.
Was sogar gelten würde, wäre ich nicht in Bielefeld
geboren.
Denn man ist ja Westfale nicht nur, weil man hier geboren
wurde, sondern auch dann, wenn man von Land und Leuten im Laufe der Zeit
so westfälisch geprägt wird, wie das hier fast unvermeidlich
ist.
Schon das Handeln meines Ur-Großvaters - des Apothekers
und Firmengründers - war eindeutig westfälisch bodenständig.
Selbst mein Vater, der zwar stets die preußischen
Sekundärtugenden preist und dem es sicher gefallen würde, für
einen verkappten Preußen gehalten zu werden, ist natürlich Westfale
in des Wortes bester Bedeutung, obendrein mit einer westfalentypischen
Sparsamkeit ausgestattet, die selbst den nebenan wohnenden Lippern zur
Ehre gereichte.
Und auch für mich ist Westfalen die Region meiner
Vertrautheit und daher meine eigentliche Heimat.
Zumindest insoweit stehe ich hier so ganz falsch dann
doch wohl nicht, musste ich mir eingestehen.
Aber
die Festrede?
Wenn es doch eine Rede z. B. über literarische Zeitzeugen
Westfalens hätte sein sollen.
Dann hätte ich mich in einer Bibliothek verbarrikadieren
können, hätte gelesen und dann vielleicht z.B. die Gräfin
Merveld zitiert, die über die Heimatliebe der Westfalen wörtlich
sagte, sie sei "beharrlich wie nur noch die der Bayern".
Die die hiesigen Wasserburgen preist, über Renaissance
und Barock in Westfalen schwärmt, obwohl diese Stile hierzulande der
europäischen Entwicklung doch wohl eher ein wenig hinterherhinkten;
die - und das nun wörtlich, weil es so schön ist – begeistert
berichtet über "die Harmonie des Zusammenspiels von spiegelnden Wasser
und farbigen Steinen, von Türmen und Himmeln mit schweren Wolken,
von vielfältigen Dächern, Erkern und Innenhöfen und mächtigen
Baumwipfeln, von Kunst und Natur".
Aber was soll das heute hier?
Daher darf ich an sich auch nicht die Droste-Hülshoff
zitieren, die feststellte, in Westfalen sei alles "so feststehend", dass
man immer genau wisse, "was jeder gälte".
Oder den Freund der Droste, Levin Schücking, der
behauptete, dass die Westfalen, wenn sie etwas gäben, "nicht in leisen
lyrischen Weisen säuselten sondern voll und wuchtig aufträten".
Oder der dichtende Vagant Peter Hille, der behauptete,
selbst Prometheus sei ein Westfale gewesen, weil die Westfalen einmal Begonnenes
stets zuendeführen, "obwohl der Geier ihnen die Leber zerhackt".
Oder Heinrich Heine, - von dem man allerdings nie so
ganz genau weiß, wo seine Ironie beginnt, die oft das Gegenteil des
Gesagten meint und der bekanntlich schmeichelte: "Ich habe sie immer so
lieb gehabt, die guten Westfalen, diese sentimentalen Eichen."
Auch bei Christian Grabbe und vielen anderen Schreibern
und selbst bei Augustin Wibbelt hätte ich höchst Wissenswertes
über die Westfalen gefunden.
Aber leider ist das alles nicht mein Thema.
Mein Thema ist auch nicht Knipperdolling, aber auch nicht
Clemens August von Galen, der Löwe von Münster, auch weder der
soziale Erneuerer von Kettler, noch der westfälische Bauernkönig
von Schorlemer.
Es passt auch nicht recht, Friedrich den Großen
zu erwähnen, der gesagt hat, "in Westfalen sei kein Genie, die Untertanen
dort seien von Gott und der Vernunft entfernt und nur zum Zank geboren".
Auch nicht den Marschall Blücher, der nach fünfjährigem
Aufenthalt hier berichtete, "die Menschen in diesem Pfaffenlande taugten
nicht".
Auch nicht Voltaire, der in seinem "Candide" von einem
westfälischen Baron spottete, er sei einer der mächtigsten Gutsherrn
Westfalens, denn "sein Schloss hätte immerhin eine Tür und ein
Fenster".
Nein,
das alles nicht.
Aber auch keine Beschreibung über die vielfältige
Landschaft und deren widersprüchliche - liebliche bis heroische -
Schönheiten.
Denn ein völlig anderes Thema wurde mir vorgegeben,
fast apodiktisch, getreu nach dem westfälischen Motto: Widerspruch
ist zwecklos, da unerwünscht.
Mein Thema - Sie haben es gelesen in der Einladung -
ist: "Westfalen - ein starker Wirtschaftsstandort in Europa". Am Ende kein
Fragezeichen, sondern ein Punkt, der eher ein Ausrufezeichen ist.
Eine - Widerspruch nicht duldende - klare wirtschaftliche
Feststellung zum stolzen geschichtlichen Jubiläum.
Als gebetener Redner kann man da nur noch gehorsam die
Hacken zusammenschlagen.
Der Festvortrag zu dieser stolzen wirtschaftlichen Feststellung
könnte mir - oberflächlich betrachtet - relativ leicht fallen.
Denn am straflosesten kann man sogar Falsches behaupten,
wenn keine nachprüfbaren Zahlen zur Verfügung stehen.
Dem Redner nicht, und auch nicht dem Zuhörer, was
noch viel wichtiger ist.
Tatsächlich existieren keine gepflegten Statistiken
mehr über den Wirtschaftsraum Westfalen.
Selbst die früher für Westfalen tätigen
überregionalen Banken wie die Landesbank von Westfalen oder die Westfälischen
Genossenschaftszentralbanken wurden zur WestLB und zur WGZ und hatten daher
an sich keinen Grund mehr, in ihren volkswirtschaftlichen Abteilungen gesonderte
Informationen über Westfalen, seine Strukturen und deren Entwicklung
zu sammeln und aufzubereiten.
Und wer tut schon mehr als er muss?
Auch die Industrie- und Handelskammern in Westfalen -
in ihrem Bereich jeweils Institutionen mit vorzüglicher Datenbasis
- verdichten ihre Kammerberichte nicht zu einem westfälischen Gesamtbericht.
Warum sollten sie auch?
Etwas verkürzt und beziehungsreich zum Jubiläum
kann heute festgestellt werden, dass die auf Westfalen focussierte und
mit Zahlen unterlegte Berichterstattung über das wirtschaftliche Westfalen
versiegte, nachdem 1933 die politische Selbstverwaltung Westfalens endete
und der Westfälische Provinziallandtag nicht mehr ganz so souverän
über sein Territorium entscheiden durfte.
Die Stiftung "Westfalen-Initiative" - eine mit Gedanken
und Geld durch den leider viel zu früh verstorbenen Martin Leicht
gegründet - stellt denn auch bedauernd fest "Westfalen ist statistisch
zum Niemandsland geworden".
Was für einen Redner zum Thema aber immerhin den
Vorteil hat, dass ihm niemand widerlegende Statistiken um die Ohren hauen
kann.
Aber so ein bisschen rechnen kann ja fast jeder notfalls
auch selbst: 8,5 Mio Einwohner hat Westfalen.
Ich könnte daher selbstbewusst hinzufügen,
Westfalen ist bezogen auf die Bevölkerungszahl größer als
Norwegen oder Finnland, Irland, Kroatien und Serbien, auch Slowenien und
etwa gleich groß mit Schweden, Griechenland, Österreich, Ungarn
oder Bulgarien. Immerhin.
Man kann errechnen, dass die westfälische Einwohnerzahl
in den letzten Jahren sogar gewachsen ist.
Was besonders erfreulich wäre, wenn ich verschweigen
könnte, dass dies nicht auf dem natürlichsten aller Wege geschah.
Stärker gewachsen jedenfalls als im Rheinland.
Die Bevölkerungsdichte ist hier mit knapp 400 Einwohnern
pro Quadratkilometer fast doppelt so hoch wie im ganzen Deutschland.
Zusammengeklaubte Zahlen z.B. aus 1996 belegen, dass
die Bruttowertschöpfung in Westfalen DM 321 Mrd. betrug und so hoch
war wie in Portugal.
Oder dass der westfälische Export in 1998 mit DM
74,4 Mrd. beim Wert von Dänemark lag. Immerhin!
In
Westfalen gibt es grosso modo 3,3 Mio Beschäftigte, manchmal ein paar
mehr, im Augenblick wohl einige weniger.
Die acht IHKs hier haben etwa 320.000 Mitgliedsunternehmen.
Das sind 43 % des einschlägigen Gesamtbestandes
von NRW.
Mit 120 Firmen auf 10.000 Einwohner liegt der Wert beim
Durchschnitt des ganzen Deutschlands.
Das ginge ja noch an.
Doch ist die Wirtschaftskraft des Rheinlandes mit einer
Bruttowertschöpfung von DM 420 Mrd. erheblich höher, höre
ich kritische Einwände in westfälischer Larmoyanz.
Sachliche Kenner des Landes verweisen dagegen jedoch
auf den Montanbereich, von dem das Land Nordrhein-Westfalen zwar nicht
mehr völlig abhängig ist, aber immer noch stark geprägt
wird.
Aus dem Land von Kohle und Stahl wurde das Land mit Kohle
und Stahl, sagt denn auch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident
Clement.
Kohleabbau und Stahlschmelze lagen jedoch und liegen
immer noch überwiegend in Westfalen und bremsen daher hier branchenbedingt
die Wachstumszahlen. Verfehlte Landesstrukturpolitik? Vielleicht.
Außerdem verzerren die überwiegend im Rheinland
domizilierenden Konzernspitzen ebenfalls die Relationen zu Lasten von Westfalen.
Jedenfalls aber liegt hier noch lange kein Grund zu westfälischen
Minderwertigkeitskomplexen vor.
Dennoch hört man die Westfalen häufig über
den Zusammenschluss Nordrhein-Westfalen hadern, obwohl die Westfalen doch
nach dem letzten Weltkrieg selbst die Vereinigung ihrer Provinz einschließlich
des sozial explosiven und völlig zerbombten Ruhrreviers - dem größten
industriellen Ballungsraum in Europa - mit dem Rheinland favorisierten.
Was klug war.
Denn so konnten sie sich am besten einigen unfreundlichen
Ideen der Alliierten widersetzen und ihr Land wenigstens als Hälfte
eines neuen Ganzen nahezu ungeteilt erhalten.
Aber das ist besonnte Vergangenheit.
Für die Gegenwart immerhin lässt sich errechnen,
dass der Beschäftigungsanteil des verarbeitenden Gewerbes in den drei
Regierungsbezirken Detmold, Münster und Arnsberg um etliche Prozentpunkte
höher liegt als im Rheinland.
Ist das wirklich ein Nachteil für die Zukunft, wie
manche behaupten?
Wer den entsprechend schwächeren tertiären
Sektor allein für die Zukunft hält, urteilt sicher mit ja.
Wer dagegen den Export liebt, auf den ein rohstoffarmes
Land so angewiesen ist, sagt sicher eher nein.
Denn aus Blech, Glas, Pappe oder Plastik, aus Mehl, Rapsöl
oder Sonstigem gefertigte Produkte lassen sich immer noch leichter exportieren
als Dienstleistungen.
Auch ist eine Binsenweisheit, dass auf Dauer dort weniger
Dienstleistungen nachgefragt werden können, wo immer weniger produziert
wird. Also – dies ist mein erneutes Zwischenfazit - ist auch insoweit noch
längst keine westfälische Niedergeschlagenheit gerechtfertigt.
Westfalen
ist mittelständisch und von einer verhältnismäßig
großen Zahl von Familienunternehmen geprägt.
In meiner engeren Heimat Ostwestfalen ist das Familienunternehmen
sogar eindeutig die bestimmende Unternehmensform.
Wenn ein mittelständischer Unternehmer die unternehmerischen
Möglichkeiten seiner Firma nicht durch seine mangelnde Bereitschaft
zur rechtzeitigen Regelung der Nachfolge diskreditiert - daran scheitern
bekanntlich manche mittelständische Unternehmen -, dann hat er trotz
steuerlicher Benachteiligung spezifische Vorteile, die er nutzen könnte,
wenn er es denn versteht.
Durch höhere Flexibilität und Anpassungsfähigkeit
bewältigt er die vom Markt gebotenen Änderungen leichter.
Er braucht auch nicht tagein, tagaus über shareholder-value
oder über die höchst volatilen - ich könnte auch sagen:
wetterwendischen - Urteile der Analysten zu grübeln.
Denn er denkt ja eher „dynastisch", ihm kann derartiges
daher ziemlich gleichgültig bleiben, was die Lebensqualität -
versichere ich - erheblich steigert.
Das alles veranlasste dann auch die Wirtschaftliche Gesellschaft
für Westfalen und Lippe zu dem Urteil, dass der westfälische
Landesteil mit seinem mittelständischen Unternehmensbesatz - ein schreckliches
Wort - sich dem Strukturwandel konsequenter gestellt hat.
Hier wurden die arbeitsplatzvernichtenden Krisen z. B.
in der Textil- und Möbelindustrie friktionsloser bewältigt als
entsprechende Probleme in Regionen, die durch Großkonzerne mit anonymen
Eigentümern geprägt sind.
Ich las in einer ähnlichen Untersuchung schließlich
auch den Hinweis, dass die angeblich vorsätzliche Benachteiligung
des westfälischen Landesteils durch die Landesregierung hier bisweilen
sogar zum Vorteil geraten ist: Weil die Unternehmer hier einsamer sind,
mehr allein gelassen werden und sich daher selber helfen müssen.
Das aber setzt größere Selbstbehauptungskräfte
frei.
Man verlässt sich lieber nicht so leicht auf obrigkeitliche
Hilfe.
Diese Einstellung stärkt und macht mutiger für
Veränderungen. Schön, wenn’s so ist.
Und häufig ist das hier tatsächlich so.
Einen Anlass zur Klage der Westfalen vermag ich daher
nicht zu erkennen, sondern eher einen Grund zur Genugtuung.
Aber hat der Westfale vielleicht ein gebrochenes Verhältnis
zu seiner Region, weil er das auch zu seiner Geschichte hat?
Da Geschichte meistens nach Schlachten und Feldherren
eingeteilt wird, berufen sich die westfälischen Altgeschichtler beim
Anfang Westfalens - der dann vielleicht auch der Anfang deutscher Geschichte
war - häufig auf die Varus-Schlacht im Jahre 9 vor Christi Geburt.
Germanische Stämme erschlugen dreißigtausend
Legionäre eines römisches Heeres und ertrotzten so angeblich
Freiheiten für das Land.
Was allerdings dazu führte, dass die geschlagenen
Römer in Köln längst Brücken, Wasserleitungen und Paläste
bauten, als Westfalen noch über 800 Jahre lang fast nichts als urige
Jagdgründe für ein paar wilde Krieger bot.
Der Ort des damaligen Sieges wird trotz vielfältiger
geschichtlicher und geographischer Zweifel immer noch nach Ostwestfalen
gelegt, in den Teutoburger Wald, dort, wo Armin - der natürlich noch
kein Westfale sein konnte, weil es die noch gar nicht gab und der mitunter
fälschlich Hermann genannt wird - auf seinem Denkmalsockel das Schwert
kühn in den Himmel reckt.
Andere berufen sich für den Beginn Westfalens daher
auch lieber auf Widukind, in Enger begraben nach 30 Jahren Kampf gegen
Karl, den wir den Großen nennen.
Wieder andere beschreiben als Beginn und Hochzeit Westfalens
die Zeit, als die Region Durchgangsland für den mittelalterlichen
Handel quer durch Europa wurde.
Zum Thema passt dies sehr viel besser: Westfalen im Mittelpunkt
der Alten Welt und schon damals im Kreuz der Handelsströme Europas,
wie auch ein jetzt aktueller Werbeslogan Westfalens in der EU lauten könnte.
Wieder andere leiten die geschichtlichen Anfänge
Westfalens aus dem Westfälischen Friedensschluss des Jahres 1648 von
Münster und Osnabrück ab.
Dieser Vertrag schenkte den hier anwesenden Abgesandten
der Völker aus ganz Europa Hoffnung auf Frieden.
Aber selbst dieser große Westfälische Frieden
ist heute wieder Anlass zu chauvinistischem Ärger der Westfalen, da
Osnabrück - eine der beiden westfälischen Städte des Friedensschlusses
- leider nicht zu Nordrhein-Westfalen gezählt werden kann.
Wiederum andere machen es sich daher mit dem Beginn von
Westfalen viel einfacher und meinen, Westfalen gäbe es an sich erst
nach dem Frieden von Tilsit, als Napoleon das Königreich Westfalen
gründete, das von Kassel aus durch seinen Bruder Jérome regiert
wurde.
Dies änderte sich allerdings 1810 schon wieder etwas,
dann erneut nach 1813, als im Zuge der Befreiungskriege preußische
Truppen nach und nach das Königreich eroberten, das mit dem Wiener
Kongress irgendwann völlig endete.
Wieder
andere argumentieren über den Beginn Westfalens dagegen sehr viel
merkantilistischer und industrieller und behaupten, das zuvor ganz überwiegend
land- und forstwirtschaftlich geprägte Gebiet sei an sich erst westfälisch
geworden nach der industriellen Revolution, die natürlich keine Revolution
war, sondern eine Phase beschleunigten Wirtschaftswachstums seit 1850,
während die Zeit zuvor nichts als die Inkubationszeit einer industriellen
Entwicklung gewesen ist.
Aber sei es geschichtlich nun so oder so gewesen, auf
keinen Fall hätte der Westfale Grund, mit Blick auf seine Geschichte
in nichts anderem als in Sack und Asche zu gehen.
Dennoch war die Einstellung der Bewohner zu ihrem Westfalen
immer ambivalent, wie Westfalen auch nie ganz als homogenes Gebilde empfunden
wurde, da sich angesichts der wechselvollen Entwicklung, die noch durch
unterschiedliche Religionen verstärkt wurde, eine verlässlich
westfälische Identität nicht ganz so einfach entstehen konnte.
Daher hat es an sich auch kein profunder Kenner des Lan-des
gewagt, die "wahren" geographischen Grenzen Westfalens ganz präzise
und dauerhaft zu beschreiben.
Das erlauben sich nur Behörden, wenn sie ihr Hoheitsgebiet
abstecken und auf historische, ethnische, soziale und religiöse Belange
keine Rücksicht zu nehmen brauchen.
Für Westfalen ergab sich dadurch, dass diese Region
innerhalb der Landesgrenzen von NRW ausgerechnet die Form eines Herzens
hat. Prüfen Sie das anhand einer Landkarte ruhig einmal nach!
In einem sind sich die Westfalen jedoch wohl seit jeher
relativ einig. Sie hätten sicher zu jeder Zeit auf die Frage nach
ihren phänomenologischen Eigenschaften spontan und ziemlich übereinstimmend
geurteilt, sie seien "ehrlich, treu, verlässlich, sparsam, standfest
- was so viel wie dickköpfig heißen soll -, ausdauernd und auch
beharrlich".
Wenn aber gerade letztere Selbsteinschätzung zutreffend
ist - und sie ist es wohl -, dann allerdings haben die Westfalen allen
Grund, an ihre gute Zukunft zu glauben.
Denn politische Entwicklungen sind langwierige, fast
immer mühselige Prozesse.
Deren Endziele zu erreichen, verlangt Ausdauer und die
zitierte Beharrlichkeit.
Auf dem Wege nach Europa gilt das erst recht, wie wir
angesichts vieler Schlaglöcher auf der Strecke immer wieder schmerzhaft
erfahren müssen.
Aber auch wenn es noch etwas dauert: Europa darf und wird
keine nur bürokratisch verklammerte, Aufbruch und Dynamik hemmende
Großeinheit werden.
Ganz überwiegend ist man sich unter den politischen
Repräsentanten - und nicht nur unter diesen - zumindest insoweit einig,
dass wesentliches Endergebnis des bereits unumkehrbar zusammenwachsenden
Europas kein Zentralstaat sein wird, sondern ein föderal organisiertes
Gebilde, das immer das Subsidiaritätsprinzip anwendet.
Die Politik, die Wirtschaft, das Soziale, die Kultur
werden durch einen Wettbewerb der Regionen geprägt werden.
Einheit in Vielfalt heißt der Grundsatz.
Denn Vielfalt vermag nicht ganz so leicht Innovation
und Wettbewerb zu ersticken wie homogene Langeweile es tut.
Dieser Wettbewerb - der die oberste Moral des Marktes
ist - hebt im zukünftigen Europa regionale Monopole und Branchenmonopole
auf, zum Vorteil der Bürger oder Verbraucher und zum Vorteil der Leistungsfähigen
unter den Unternehmen.
Die Regionen als Träger dieses Wettbewerbs werden
nicht die ihre Souveränität allmählich aufgebenden Mitgliedsstaaten
selbst sein, das gilt zumindest für die großen Staaten.
Es werden auch nicht unbedingt die in Deutschland, trotz
häufig willkürlicher Grenzen, auf ihre Eigenständigkeit
bedachten Bundesländer sein.
Regionen werden vielmehr räumliche Zusammenhänge
mit gewachsener regionaler Identität sein, die - ggfs. auch unter
Überwindung früher blutig verteidigter Grenzen – entstanden sind
aus gleicher Geschichte, gleichen sozialen Abhängigkeiten, ähnlichem
kulturellen Denken und Handeln, Gemeinsamkeit und Vertrautheit beim Empfinden
über Bräuche und Landschaften, also auch aus Heimatgefühl.
Ohne hier separatistische Gedankengänge Westfalens
gegenüber dem zumindest ursprünglich hybriden Bindestrichland
Nordrhein-Westfalen kultivieren zu wollen - derartiges wäre politisch
völlig töricht nach über 50 Jahren der politischen Zusammengehörigkeit
-, bin ich der festen Überzeugung, dass eine dieser konkurrierenden
Regionen Europas eher Westfalen als Nordrhein-Westfalen sein wird.
Vielleicht steuert Nordrhein-Westfalen mit etwas territorialer
Hilfe von anderen Bundesländern eines Tages sogar zwei volle Regionen
bei: Rheinland und Westfalen.
Kommt das alles so - und es kommt sicher so -, werden
auf Dauer voraussichtlich dezentrale Strukturen mit hoher Eigenkompetenz
vor Ort und bürgernahen Verwaltungen und flachen Hierarchien die föderal
organisierte Gesamtheit Europas organisieren.
Das glaube nicht nur ich.
Innerhalb einer derartigen Organisation wird ein wesentlicher
Bestandteil des Wettbewerbs der Regionen ein Standortmarketing sein, mit
dessen Hilfe die spezifischen Stärken der Regionen im Wettbewerb um
Investitionen, Industrieansiedlungen, kulturelle Zentren, Steueraufkommen,
soziale Sicherung, Lebensqualität ihrer Bewohner und manches andere
mehr miteinander wetteifern.
Meines Erachtens ist das kulturell vielfältige, wirtschaftlich
ausgewogen diversifizierte, menschlich bunte und auch sozial noch
längst nicht abgestürzte Westfalen darauf materiell relativ gut
vorbereitet, besser als manch andere Region. Was aber noch nicht reicht.
Entscheidend wird auch sein, welche Aufgaben den Regionen
durch die Politik zugewiesen werden, welche Aufgaben die Regionen mit Erfolg
einfordern. Und damit bin ich endlich beim Thema und an sich - hoffentlich
freuen Sie sich darüber jetzt nicht allzu lautstark - auch bereits
ziemlich am Ende meiner Ausführungen:
Nur
die Regionen werden sich im europäischen Wettbewerb günstiger
als andere entwickeln, die keinem Hang zu kreativem Altruismus huldigen,
sich auch nicht in Larmoyanz flüchten oder sich in bequemem Fatalismus
einigeln.
Regionen also, die in Verantwortung und Selbstbewusstsein
gegenüber der Politik Aufgaben und Kompetenzen für sich reklamieren
und fruchtbare Zusammenarbeit in den unterschiedlichen Bereichen tatkräftig
unter Beweis stellen - von der Wirtschaft über die Kultur bis hin
zur Ausbildung junger Menschen, gerade letzteres ist einer der ganz entscheidenden
Zukunftsfaktoren.
Nur dann werden diese Regionen auf Dauer ein genügend
eigenständiges Profil haben, um im Wettbewerb des zusammenwachsenden
Europas wahrgenommen zu werden, sich durchzusetzen und dauerhaft zu behaupten.
Im Wettbewerb der Regionen kommt es darauf an.
Hier können sich die westfälischen Europäer
zum Vorteil ihrer Region beweisen, indem sie einfach ein bisschen optimistischer
und mutiger sind, sich beharrlicher in ihrem Fleiß, ihrer Ausbildung
und in ihrer sozialen Verträglichkeit zeigen.
Hier können sich die westfälischen Unternehmen
zum Nutzen der Region und auch im wohlverstandenen Eigeninteresse einbringen,
in dem sie etwas flexibler, ideenreicher und auch solider als andere sind.
Das sind die Unternehmen also, die begriffen haben, dass
Subventionen feige Herzen machen und dass auf Dauer ökologisch und
sozial verantwortete Firmen erfolgreicher sein werden als solche, die aus
der Geschichte immer noch nichts gelernt haben und bei denen unter aller
schönen europäischen Tünche immer noch ein bisschen Manchester-Kapitalismus
durchscheint.
Wird das hier mit Augenmaß und unbeirrt beherzigt,
braucht uns um unser Westfalen nicht bange zu sein, bleibt Westfalen ein
starker Wirtschaftsstandort in Europa und wird das im Wettbewerb der Besten
zukünftig sogar noch stärker sein.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
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